Besser Leben Mit Chronischen Schmerzen

Was Patient:innen hilft – Wege in die Schmerzfreiheit.

Besser leben mit chronischen Schmerzen
Schmerz und Bewegung | Aug. 26, 2022

Verhaltenstherapien

Grundsätzlich ist es anzustreben, trotz anhaltender Schmerzen aktiv zu bleiben. Ärzt:innen erstellen möglicherweise ein Übungsprogramm zum Aufbau von Kraft, zur Wiederherstellung der Beweglichkeit und Verbesserung der Flexibilität.1 Mit der gleichen Absicht werden häufig auch Verhaltenstherapien, etwa die Rehabilitationstherapie2, angewandt. Ein wichtiges Ziel ist es hier, Patient:innen wieder an Aktivitäten und Arbeit heranzuführen. Und dabei zu helfen, sich Ziele zu setzen und besser mit den Symptomen umzugehen. Die kognitive Verhaltenstherapie wiederum ist eine Form der Gesprächstherapie. Sie erfolgt häufig durch Psychiater:innen oder Psycholog:innen, die auf chronische Schmerzen spezialisiert sind. Sie können helfen, die emotionalen und psychischen Herausforderungen chronischer Schmerzen zu meistern und wirksame Strategien zur Schmerzbewältigung zu entwickeln.3

Medikamente

Je nachdem, welche Art von Schmerzen Patient:innen haben, können Ärzt:innen eine oder mehrere Arten von Medikamenten4 verordnen, zum Beispiel:

Rezeptfreie Medikamente:
Zu den bekannten Wirkstoffen zählen Paracetamol, Acetylsalicylsäure (z.B. Aspirin) und Ibuprofen. Sie reduzieren typischerweise Schmerzen und Entzündungsreaktionen im Körper.

Verschreibungspflichtige Medikamente:

  • Schmerzmittel. Wenn über rezeptfreie Medikamente keine ausreichende Hilfe erzielt wird, können zum Beispiel Opioide Schmerzen sehr wirksam lindern. Sie sollten jedoch genau nach ärztlicher Verordnung angewendet werden, da sie mit dem Risiko von psychischer und körperlicher Abhängigkeit verbunden sind.5
  • Antidepressiva. Da viele Menschen mit chronischen Schmerzen gleichzeitig unter Depressionen leiden, werden Antidepressiva meist zusammen mit anderen Therapien zur Schmerzlinderung verschrieben.
  • Antiepileptika. Diese Medikamente können zum Beispiel sehr wirksam bei brennenden und stechenden Nervenschmerzen sein.13

Nervenblockaden durch Injektionen:
Diese kurzen Eingriffe umfassen eine örtliche Betäubung oder die Anwendung von Steroiden direkt auf den Nerv, der die Schmerzen verursacht, in der Regel durch eine Injektion. Nervenblockaden können Schmerzen vorübergehend durch Betäubung oder Abschwellen des Gewebes um die Nerven lindern. 

Alle Medikamente haben kurz- oder langfristige Nebenwirkungen – darüber sollte mit den behandelnden Ärzt:innen unbedingt gesprochen werden. Wenn Verhaltenstherapie, Arzneimittel und andere Maßnehmen keine ausreichende Linderung der Beschwerden verschaffen, kommt unter Umständen die Neurostimulation als weitere Behandlungsoption infrage.

Radiofrequenzablation

Die Radiofrequenzablation (RFA) ist ein etabliertes Verfahren zur Unterbrechung von Schmerzsignalen, sie erfolgt unter Lokalanästhesie oder Gabe eines schwachen Beruhigungsmittels. Unter CT (Röntgen)-Kontrolle führt der Arzt/die Ärztin eine Nadel zum Zielort, etwa ein gereiztes Facettengelenk in der Wirbelsäule. Durch die Nadel wird eine Elektrode eingeführt, über die ein schwacher RF-Strom in das umgebende Nervengewebe geleitet wird, um dieses zu erhitzen und so die Schmerzsignale zu unterbrechen. Während einer Behandlung können mehrere Stellen behandelt werden. Klinische Daten zeigen, dass eine Therapie per Radiofrequenzablation Schmerzen langfristig lindern kann.6, 7

Neurostimulation

Die Neurostimulation, auch als Rückenmarkstimulation bezeichnet, ist eine wirksame Behandlungsmethode, die von Ärzt:innen bereits seit über 50 Jahren zur Behandlung chronischer Schmerzen eingesetzt wird.8 Sie beruht auf der Erkenntnis, dass Schmerzsignale über das Rückenmark zum Gehirn geleitet werden.

Für die Therapie wird ein kleines Implantat, der sogenannte Impulsgenerator, im Bauch- oder Gesäßbereich eingesetzt. Er sendet elektrische Impulse in regelmäßigen Abständen und nach festem Muster (= tonische Stimulation) an einen dünnen Draht (Elektrode), der diese Impulse an die Nerven entlang des Rückenmarks weitergibt. Die elektrischen Impulse unterbrechen die Schmerzsignale auf ihrem Weg zum Gehirn, bevor dies einen Schmerzreiz aussenden kann. Das wiederum verändert auch die Schmerzwahrnehmung des Körpers – und lindert so die Beschwerden.9, 10 Die Impulse werden über eine Fernbedienung gesteuert, mit der die Ärzt:innen die Therapie individuell anpassen können.

Die beschriebene, tonische Stimulation ist eine bewährte Therapieform, sie wirkt aber nicht bei allen Patient:innen. Daher hat Abbott zur Behandlung bestimmter Arten von Schmerzen zwei neuartige Stimulationsmethoden entwickelt: die BurstDR™ Stimulation und die DRG-Therapie.

Wichtig zu wissen: Bevor Betroffene sich für ein Implantat, unabhängig welcher Art, und eine Operation entscheiden, kann in einer Testphase mit einem externen Impulsgenerator festgestellt werden, ob die gewünschte Schmerzlinderung tatsächlich eintritt und die Therapie damit überhaupt infrage kommt. Die Therapie ist reversibel und alles kann rückgängig gemacht werden. Abbott bietet Testsysteme für jede Art der Stimulation, die klassische tonische und die BurstDR™ Stimulation können sogar parallel mit einem Verfahren getestet werden.

BurstDR™ Stimulation

BurstDR Stimulation Bei der BurstDR™ Stimulation werden die Impulse in Salven abgegeben, mit einer Pause zwischen jeder Salve. Ärzt:innen nehmen an, dass diese Stimulation nicht nur den Bereich des Gehirns anspricht, der Schmerzen verarbeitet, sondern auch jenen, der die emotionale Reaktion und Beachtung von Schmerzen bestimmt. Das bedeutet, dass das leichte Kribbeln, wie es bei der tonischen Stimulation häufig wahrgenommen wird, hier oft nicht spürbar ist. Und es hat zur Folge, dass die BurstDR-Stimulation helfen kann, den Schmerz weniger zu beachten und so noch besser damit zu leben.

Die Forschung zeigt, dass Menschen, die mit tonischer Stimulation keine ausreichende Schmerzlinderung erzielen, mit der BurstDR-Stimulation durchaus Erfolg haben können.[xi] Studien zufolge bevorzugen acht von zehn Patient:innen diese Art der Stimulation.

In Kombination mit der BurstDR Stimulation ist das Proclaim XR SCS-System12 die neueste Weiterentwicklung dieser effizienten Therapie. Es bietet nicht nur eine überlegene Schmerzlinderung, sondern funktioniert im Gegensatz zu anderen Systemen ganz ohne Aufladen. Das bedeutet, dass Betroffene bei niedrigen Dosiseinstellungen mit nur einer Batterie bis zu zehn Jahre lang mühelos ihre Schmerzen lindern können.

DRG-Therapie

DRG-TherapieChronische Schmerzen sind ein ganz individuelles Leiden und oft nur schwer behandelbar. Daher entwickelt Abbott laufend neue Therapien für unterschiedliche Schmerzarten – auch für kompliziertere Fälle: Wenn Betroffene seit einer Verletzung oder einem chirurgischen Eingriff starke Schmerzen in einem bestimmten, lokalisierbaren Körperbereich wie Hand, Fuß, Knie, Hüfte oder Leiste spüren, leiden sie möglicherweise an sogenannten neuropathischen Schmerzen. Es gibt keinen spezifischen Test, um diesen Schmerz­zustand abzuklären. Dennoch handelt es sich um konkrete Beschwerden, die vermutlich auf eine Nervenschädigung zurückgehen, die dazu führt, dass häufig und ohne Anlass Schmerzsignale ausgesendet werden.

Die DRG­-Stimulation ist eine neuartige Neurostimulations­behandlung, die in solchen Fällen nachweislich wirksam sein kann. Bei jedem Menschen liegen entlang der Wirbelsäule Gruppen von Nervenzellen, die als Spinalganglion (oder DRG, von engl. Dorsal Root Ganglion) bezeichnet werden. Die medizinische Forschung hat ergeben, dass bestimmte Gruppen von Spinalganglien spezifischen Körperbereichen – z. B. Hand, Fuß, Knie, Hüfte und Leiste – zugeordnet sind, in denen die Betroffenen Schmerzen wahrnehmen. Durch die gezielte elektrische Stimulation des entsprechenden Spinalganglions können die Schmerzsignale blockiert werden, ehe sie das Gehirn erreichen – und durch einen elektrischen Impuls so verändert werden, dass Patient:innen das Schmerzgefühl anders bzw. nicht mehr wahrnehmen. Eine klinische Langzeitstudie ergab: Unter Behandlung mit diesem Verfahren stellten mehr als acht von zehn Patient:innen innerhalb von zwölf Monaten eine Linderung ihrer Schmerzen fest.13

Für wen ist die Neurostimulation geeignet?

Sollten weder Medikamente noch andere Verfahren die Schmerzsituation entscheidend verbessern können und die Beschwerden länger als sechs Monate anhalten, können Ärzt:innen die Indikation für eine Neurostimulations-Therapie stellen. Darüber hinaus müssen verschiedene weitere Voraussetzungen[xiv] gegeben sein, bei denen auch Angehörigen eine bedeutende Rolle zukommen kann. Die Patient:innen sollten …

  • sich zutrauen, ein einfaches technisches Gerät zu bedienen, ähnlich einer Fernbedienung (hierbei geht es um die Steuerung des Impulsgenerators).
  • bei technischen Problemen selbst mit Ärzt:innen und technischem Personal zusammenarbeiten können, um einen optimalen Erfolg zu erreichen – oder verlässlich auf Hilfe aus dem familiären bzw. weiteren sozialen Umfeld zugreifen können.
  • geistig rege sein und sich auch im Alter noch aktiv für die Verbesserung der eigenen Lebensqualität einsetzen wollen.
  • nicht rauchen und nicht von starkem Übergewicht betroffen sein.
  • bezüglich anderer Erkrankungen wie Bluthochdruck, koronare Herzkrankheiten oder Diabetes gut mit Medikamenten eingestellt sein.
  • möglichst keine körperlichen Einschränkungen aufweisen, die eine konsequente Mobilisierung erschweren.

Neben der grundsätzlichen Entscheidung für eine Neurostimulation ist auch die am besten passende Methode zu wählen. Welche Stimulationsmethode am besten wirkt, hängt unter anderem von der jeweiligen Diagnose, der medizinischen Vorgeschichte, dem Schmerzbereich und der Schmerzstärke ab. Eine Teststimulation ist der beste Weg, um herauszufinden, ob die Neurostimulation wirkt. Während der Testphase können Betroffene beurteilen, ob die Therapie Schmerzen ausreichend lindert, ob sie hilft, alltägliche Tätigkeiten leichter zu verrichten und sich die Schlafqualität verbessert. Ist dies gegeben, steht einer festen Implantation eines Neurostimulationsystems nichts mehr im Wege.

In enger Absprache mit den behandelnden Ärzt:innen kann dann eine verantwortungsvolle Entscheidung für eine hoffentlich beschwerdefreiere Zukunft getroffen werden. Nach dem Motto: Nicht länger auf die Schmerzen konzentrieren, sondern auf das Leben!

Wichtig zu wissen: Wenn die Rahmenbedingungen für eine Neurostimulation erfüllt sind, werden die Kosten von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet. Privatversicherte sollten dies im Vorfeld mit ihrer Krankenversicherung abstimmen.

Häufige Fragen im Zusammenhang mit der Neurostimulation

Die Implantation eines Neurostimulators, damit verbundene mögliche Risiken, aber natürlich auch die Auswirkungen auf ein hoffentlich schmerzfreieres Leben werfen sowohl bei den Patient:innen als auch bei ihren Angehörigen viele Fragen14, 17 auf. Antworten auf besonders häufig gestellte finden Sie hier, für alle weiteren stehen Ihnen und dem/der Betroffenen die jeweils behandelnden Ärzt:innen zur Verfügung.

Kann Neurostimulation Schmerzen heilen?

Das ist nicht möglich. Vielmehr soll und kann die Behandlung dazu beitragen, die Schmerzen auf ein beherrschbares Niveau zu lindern, um Betroffenen – und damit auch den Angehörigen – die Rückkehr zu einem weitgehend normalen Leben zu ermöglichen.

Werden Schmerzmittel durch die Neurostimulation überflüssig? 

Patient:innen sprechen ganz unterschiedlich auf die Behandlung an. Viele können die Zahl der Schmerztabletten reduzieren, die sie täglich einnehmen. Anderen ist es möglich, auf ein leichteres Schmerzmittel umzustellen. Diesbezügliche Veränderungen dürfen nur nach Rücksprache mit dem medizinischen Fachpersonal vorgenommen werden.  

Welche Einschränkungen bringt ein implantiertes System mit sich?

In den ersten sechs bis acht Wochen nach der Operation sind Bewegungen wie Beugen, Drehen und Strecken eingeschränkt möglich. So lange dauert es, bis die Elektroden eingeheilt sind. Manche Einschränkungen können nach der Implantation eines Neurostimulationssystems aber auch dauerhaft bestehen bleiben, entsprechend sollte das medizinische Fachpersonal um eine umfassende Aufklärung gebeten werden.  

Welche Risiken birgt das Verfahren?

Die Implantation der Elektroden erfolgt im Rahmen eines chirurgischen Eingriffs, der wie jede Operation gewisse Risiken birgt. Zu den möglichen Komplikationen gehören z. B. Infektion, Schwellung, Bluterguss sowie eventuell verminderte Kraft oder Funktionalität der betroffenen Gliedmaßen oder Muskelgruppen (d. h. Lähmung). Patient:innen sollten auf jeden Fall mit ihren Ärzt:innen über alle mit der Implantation eines Neurostimulationssystems verbundenen Risiken sprechen.

Quellen

1 Geneen LJ, Moore RA, Clarke C, Martin D, Colvin LA, Smith BH. Physical activity and exercise for chronic pain in adults: an overview of Cochrane Reviews. The Cochrane Database of Systematic Reviews. 2017;(4):CD011279. doi:10.1002/14651858.CD011279.pub3.
2 The American Occupational Therapy Association, Inc. Fact Sheet. (2014). Abgerufen über https://www.aota.org/~/media/Corporate/Files/AboutOT/Professionals/WhatIsOT/HW/Facts/Pain%20Rehabilitation%20fact%20sheet.pdf
3 Ehde DM, Dillworth TM, Turner JA. Cognitive-behavioral therapy for individuals with chronic pain: Efficacy, innovations, and directions for research. Am Psych Assoc. 2014;69(2):153-166.
4 https://www.neuromodulation.abbott/de/de/chronic-pain/living-chronic-pain/treatments/ht-tab/medikamente-und-eingriffe.html
5 American Society of Regional Anesthesia and Pain Medicine. Treatment options for chronic pain. (2018). Abgerufen über https://www.asra.com/page/46/treatment-options-for-chronic-pain. 
6 Gauci CA. Radiofrequency treatment of the lumbar medial branch. Cosman Procedure Technique Series. USA; 2009.
7 Lord SM, et al. Percutaneous radiofrequency for chronic cervical zygapophyseal joint pain The New England Journal of Medicine 1996; 335(23): 1721-1726.
8 Kennedy, J., Roll, J.(2014). Prevalence of Persistent Pain in the U.S. Adult Population: New Data From the 2010 National Health Interview Survey. The Journal of Pain, 15(10), 979-984.
9 De Ridder D., Vanneste, S., Plazier, M., & Vancamp, T., (2015). Mimicking the Brain: Evaluation of St. Jude Medical's Prodigy Chronic Pain System with Burst Technology. Expert Review of Medical Devices, 12(2), 143–150.
10 Deer T, Slavin KV, Amirdelfan K, et al. Success Using Neuromodulation With BURST (SUNBURST) Study: Results From a Prospective, Randomized Controlled Trial Using a Novel Burst Waveform. Neuromodulation. 2017;20(6):543-552.
11 https://www.neuromodulation.abbott/de/de/chronic-pain/getting-neurostimulation/comparing-neurostimulators/ht-tab/traditionelle-neurostimulatoren-und-neurostimulatoren-von-abbott-im-vergleich.html
12 https://www.neuromodulation.abbott/de/de/chronic-pain/getting-neurostimulation/comparing-neurostimulators/ht-tab/traditionelle-neurostimulatoren-und-neurostimulatoren-von-abbott-im-vergleich.html
13 Deer, TR, Levy, RM, Kramer, J, et al. Dorsal root ganglion stimulation yielded higher
treatment success rate for complex regional pain syndrome and causalgia at 3 and 12 months: a randomized comparative trial. Pain. 2017; 158(4): 669–681. doi: 10.1097/j.pain.0000000000000814 ACCURATE IDE STUDY, St. Jude Medical.
(n = 152)
14 https://www.neuromodulation.abbott/us/en/movement-disorders/living-with-dbs-therapy/optimizing-dbs-therapy.html